Länger leben? Besser leben!

mánudagur, 8. desember 2025

vmn

Langlebigkeit ist mehr als Statistik. Forscher entschlüsseln Telomere und Gene, Lifestyle-Trends propagieren Fasten und Achtsamkeit – und selbst die Hotellerie setzt auf «Thermal Longevity». Zwischen Labor, Rotary Club und Tiroler Thermalwasser zeigt sich: Das letzte Mal lässt sich nicht verhindern, aber wohl hinauszögern. 

Es gibt letzte Male, die bemerken wir kaum. Das letzte Mal, dass wir eine CD in den Player legen; das letzte Mal, dass wir mit Bargeld eine Telefonzelle füttern. Solche Momente verschwinden leise aus unserem Alltag. Doch dann gibt es letzte Male, die treffen uns mitten ins Herz: das letzte Mal, dass wir einer vertrauten Stimme lauschen; das letzte Mal, dass wir eine geliebte Hand halten. Und schliesslich das allerletzte Mal – unser Abschied vom Leben selbst.

Vor vierzig Jahren ist meine Mutter verstorben; im Januar. Seither ist dieser Monat für mich zu einer Art Referenzpunkt geworden. Er hat mir früh vor Augen geführt, wie flüchtig Glück sein kann… Mit der Geburt meiner Tochter hat der Januar noch an Kontur gewonnen. Wie kriegt man es hin, dem Leben möglichst viel Zeit abzuringen? Und was macht die Jahre davor stabil, lebenswert und klar?

Vielleicht liegt es an diesem ganz persönlichen «Jubiläum», dass mir in letzter Zeit immer wieder derselbe Begriff ins Auge springt: Longevity. Er taucht in wissenschaftlichen Artikeln ebenso auf wie in Gesprächen, Gesundheits-Apps oder Hotelprogrammen. Offenbar beschäftigt uns heute mehr denn je, wie sich Lebensqualität verlängern lässt. Grund genug, um genauer hinzusehen: Was davon ist Evidenz, was Trend – und was tatsächlich gestaltbar? Es folgt: ein Selbstversuch.

Die Frage, wie sich dieses letzte Mal hinauszögern lässt, begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Schon die alten Chinesen vertrauten auf Ginseng als «Wurzel des Lebens». Hippokrates sah in Diätetik und Gymnastik die Basis eines langen Lebens. Im Mittelalter suchten Alchemisten den Stein der Weisen, der Unsterblichkeit verleihen sollte. Heute heisst diese uralte Sehnsucht «Longevity». Gemeint ist damit nicht nur ein langes, sondern ein gutes, gesundes und selbstbestimmtes Leben. Und genau hier liegt der Unterschied: Die blosse Zahl der Jahre genügt nicht mehr. Entscheidend ist, wie viele davon wir mit Klarheit, Beweglichkeit und Lebensfreude verbringen.

Von der Sehnsucht zur Wissenschaft

Die moderne Forschung sucht nach den biologischen Mechanismen des Alterns. Im Zentrum stehen die Telomere, jene Schutzkappen an den Enden unserer Chromosomen. Mit jeder Zellteilung verkürzen sie sich, bis sie irgendwann zu kurz sind und die Zelle ihre Funktion einstellt. Wer länger leben will, braucht also längere Telomere – oder Wege, sie zu stabilisieren. Daneben stehen die Mitochondrien, die «Kraftwerke» der Zellen. Wenn sie schwächeln, fehlt Energie, Organe altern schneller. Auch die Autophagie – die Selbstreinigung der Zellen – spielt eine Schlüsselrolle. Gelingt es dem Körper, beschädigte Zellteile zu recyceln, bleibt er länger gesund.

Ein weiterer Begriff ist Hormesis: kleine Dosen von Stress, die den Organismus stärken. Fasten, Kälte, Bewegung – all das reizt den Körper, zwingt ihn zur Anpassung und verleiht Widerstandskraft. Kein Zufall, dass Intervallfasten oder Saunagänge heute zu den beliebtesten Longevity-Praktiken zählen.

Die Wissenschaft experimentiert mit Kalorienrestriktion, genetischer Reprogrammierung und Medikamenten wie Senolytika, die alternde Zellen gezielt entfernen. Mäuse, deren Lebensspanne sich um 30 Prozent verlängern lässt, gibt es bereits. Beim Menschen steht die Forschung noch am Anfang. Aber die Botschaft ist klar: Altern wird zunehmend als behandelbarer Prozess betrachtet.

Gleichzeitig wird deutlich: Rund 70 Prozent unseres Alterns sind nicht genetisch vorgegeben, sondern hängen von unserem Lebensstil ab. Hier kommen die berühmten «Blue Zones» ins Spiel – Regionen wie Okinawa, Sardinien oder Ikaria, in denen auffallend viele Menschen über 100 Jahre alt werden. Ihre Rezepte sind erstaunlich schlicht: massvolle Ernährung, tägliche Bewegung, enge Gemeinschaft, Stressabbau und ein klarer Sinn im Leben. Schon 30 Minuten Bewegung pro Tag, ausreichend Schlaf und stabile Freundschaften bewirken mehr als die meisten Medikamente.

Longevity im Alltag – zwischen Lifestyle und Gesellschaft

Das Wissen darum ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bestseller wie «Lifespan» von David Sinclair oder «The Longevity Diet» von Valter Longo verkaufen sich millionenfach. Apps messen Schlafzyklen, Bluttests versprechen die Bestimmung des «biologischen Alters», Intervallfasten oder Biohacking-Trends sind im Mainstream. Longevity ist Lifestyle, Geschäft und Hoffnung zugleich.

Auch die Hotellerie hat den Trend inzwischen aufgegriffen. Wellness ist nicht mehr nur Entspannung, sondern Teil der Prävention. Ein Beispiel dafür begegnete mir in einem Thermalresort in Tirol, wo ich mit meiner Familie jüngst einige Tage verbrachte: dem Aqua Dome. Während mein Mann und meine Tochter ausgelassen durch die Becken tollten, tat ich, was Journalistinnen in solchen Momenten tun: Ich ging der Sache auf den Grund.

Von St. Gallen ins Ötztal sind es kaum mehr als 150 Kilometer Luftlinie – nah genug für einen spontanen Szenenwechsel, weit genug, um in eine komplett andere Realität einzutauchen. Am Morgen stand ich im warmen Wasser, während Dampf die Sicht veränderte und die Berge nur noch als fragile Linien hinter einem milchigen Schleier erschienen. Die Anlage selbst – eine Mischung aus Gebirgstempel und Raumschiff – schien diese Verschiebung zu verstärken: klare Formen, ruhige Materialien und Räume, die eher sammeln als ablenken.

Dort, wo Thermalwasser aus 1865 Metern Tiefe die Becken speist, wird die Verbindung von Natur, Architektur und Wissenschaft fast beiläufig spürbar. Nicht als Inszenierung, sondern als Konzentration: Der Körper kommt zur Ruhe, und mit ihm klärt sich der Blick.

Während meine Tochter am Nachmittag, müde vom Wasserspass, ein wohlverdientes Nickerchen hielt, nahm ich mir die Saunarituale vor. Hitze, Kälte, der Duft von Birke oder Kräutern – kein Wohlfühlzauber, sondern eine einfache Form der Hormesis: kurze Reize, die den Organismus fordern, damit er sich anpasst. In Fachartikeln klingt das theoretisch. In einem Raum, der gerade abkühlt, wird es unmittelbar.

Die neuen «Thermal Longevity Experience»-Programme machen diese Prinzipien strukturiert erlebbar. Stoffwechselanalysen, persönliche Empfehlungen zu Ernährung – inklusive der speziellen Longevity-Kulinarik –, Bewegung und mentaler Regulation. Vor dieser Kulisse wird spürbar, wie es sich anfühlt, wenn Theorie und Praxis der Longevity-Forschung verschmelzen.

Auch die Küche folgt diesem Gedanken. Im Rahmen der Thermal Longevity Experience wird eine eigene, klar definierte Ernährungslinie angeboten, die sich an den Prinzipien des Clean Eatings orientiert: frisch, regional, leicht und bewusst komponiert. Es geht weniger um Verzicht, sondern um Klarheit – um Zutaten, die Energie geben, statt sie zu rauben, und um Gerichte, die den Stoffwechsel unterstützen, statt ihn zu belasten.

Während meine Familie die «normale» Hotelküche genoss, lernte ich eine Art kulinarischen Neustart kennen: Gerichte, die schlicht gehalten sind, aber bewusst komponiert – mit Zutaten, die man aufgrund ihrer Wirkung auswählt, nicht wegen des Effekts. 

Zurück in die Gegenwart: Longevity wirft auch Fragen auf, die weit über Medizin und Lifestyle hinausgehen. Was bedeutet es für Renten- und Gesundheitssysteme, wenn immer mehr Menschen 100 Jahre alt werden? Wie verändert sich das Bild vom Ruhestand, wenn die nachberufliche Lebensphase 30 Jahre oder mehr umfasst?

Eine längere Lebenszeit kann Belastung bedeuten – höhere Pflegekosten, längere Arbeitsbiografien, wachsende Ungleichheiten zwischen Jung und Alt. Sie kann aber auch Chancen eröffnen: für Bildung im Alter, für neue Formen von Engagement, für Generationendialoge. Gerade in Organisationen wie unserer, in denen das Durchschnittsalter bei um die 62 Jahren liegt, wird deutlich: Gemeinschaft, Sinn und Aktivität sind selbst Longevity-Faktoren. Wer gebraucht wird, lebt besser.

Philosophie der Endlichkeit

Und dennoch bleibt die Frage: Wollen wir wirklich nur Jahre anhäufen – oder wollen wir sie bewusst gestalten? Schon Seneca warnte, Zeit nicht nur zu zählen, sondern mit Inhalt zu füllen. Epikur sah in der Freude an einfachen Dingen den Schlüssel zum Glück. In der Moderne haben Autoren wie Simone de Beauvoir oder Hans Jonas daran erinnert, dass Altern nicht nur biologisch, sondern auch kulturell geprägt ist.

Vielleicht liegt die Kunst der Langlebigkeit darin, beides zu verbinden: die Fortschritte der Wissenschaft mit der Weisheit, das Leben bewusst zu leben. Nicht die Unsterblichkeit ist das Ziel, sondern die Verlängerung der selbstbestimmten, erfüllten Jahre.

Hier schliesst sich auch der Kreis zur Praxis. Neue Therapien, mediterrane Ernährungsweisen, die Gemeinschaft im Rotary Club oder ein Retreat im Aqua Dome – sie alle stehen für denselben Wunsch: das letzte Mal hinauszuschieben und die geschenkten Jahre nicht einfach zu addieren, sondern sinnvoll zu füllen.

Die Suche nach einem langen, guten Leben ist keine Frage einzelner Disziplinen, sondern eine gemeinsame Bewegung. Sie verbindet die Arbeit von Genforschern im Labor mit den Erfahrungen von Hundertjährigen in den Blue Zones, die Ruhe eines Tiroler Thermalbeckens mit dem Gespräch am rotarischen Tisch. Wissenschaft und Weisheit, Natur und Kultur, Hightech und Alltagserfahrung greifen ineinander.

Vielleicht liegt das Geheimnis in molekularen Prozessen, vielleicht in Thermalwasser, vielleicht in der Art, wie wir miteinander verbunden bleiben. Sicher ist nur: Das letzte Mal wird kommen. Doch wie lange es dauert, bis es so weit ist – und wie erfüllt die Zeit bis dahin sein wird – entscheidet sich weniger im Schicksal als in unserer Haltung. Wer neugierig bleibt, wer Mass hält, wer Gemeinschaft pflegt, der verleiht den Jahren Leben – und nicht nur dem Leben Jahre.

Die ikonischen Thermal-Schalen, in denen warmes Wasser aus 1865 Metern Tiefe aufsteigt